Flight-Tracking-Seiten, Satellitenbilder und Google Maps: Wie QAnon-Anhänger digitale Recherchetools missbrauchen

In ihren Posts rühmen sich die Nutzer damit, einen Fall von Kindesmisshandlung aufzudecken oder vermeintlich verdächtige Militärhelikopter in Nord- und Westdeutschland beobachtet zu haben. Auch eine Verschwörung, derzufolge manipulativ in Wetterereignisse eingegriffen wird, geistert durchs Netz.

Um diese illegalen Vorgänge ans Tageslicht zu bringen, brauchte es lediglich ein wenig kreatives Denken und Zugang zu Open-Source-Recherchetools wie Satellitenbilder-Diensten und Flight-Tracking-Seiten. Zumindest sieht es auf den ersten Blick danach aus.

Spätestens bei genauerer Betrachtung zeigen sich jedoch grundlegende Probleme:

Die Tools wurden missbräuchlich angewendet und die daraus abgeleiteten Erkenntnisse klingen zwar aufsehenerregend, halten aber selbst der grundlegendsten Überprüfung nicht stand.

Es ist ein wiederkehrendes Muster in den so genannten „Recherchen” der QAnon-Community.

Während QAnon anfangs mit abwegigen Verschwörungen rund um US-amerikanische Politik vor allem Anhänger in den USA angelockt hatte, entwickelte sich die Verschwörung im Laufe der Zeit weiter und konnte in etlichen Ländern der Welt Fuß fassen.

Ein Land, in dem QAnon einen besonders großen Einfluss erlangt hat, ist Deutschland, worüber in nationalen und internationalen Medien auch ausführlich berichtet wurde. Expertinnen zufolge hat das Schwarz-Weiß- und Gut-Böse-Schema die Verschwörung besonders anpassungsfähig gemacht. Laut einem Bericht der Amadeu Antonio Stiftung über QAnon in Deutschland aus dem Jahr 2020 fand sie auch bei anderen Randgruppen der deutschen Gesellschaft Anklang, beispielsweise bei den Reichsbürgern (eine Bewegung, die die Rechtmäßigkeit des deutschen Staates bestreitet) oder den Querdenkern (Covid-19-Skeptiker und -Leugner).

Bellingcat hat sich im Rahmen eines Rechercheprojekts zur Verbreitung der Verschwörungstheorie in Europa eingehend mit der deutschsprachigen QAnon-Online-Welt befasst.

Was ist QAnon?

QAnon ist eine falsche Verschwörungstheorie, derzufolge der ehemalige US-Präsident Donald Trump lange darauf hingearbeitet habe, satanische und pädophile Machenschaften im amerikanischen „Deep State” zu besiegen.

Obwohl Trump inzwischen abgewählt wurde und QAnon-Prophezeiungen wiederholt nicht eingetreten sind, zieht die Verschwörungstheorie weiterhin neue Anhängerinnen in ihren Bann. Sie hat auch eine Anzahl anderer gefährlicher Theorien beeinflusst (zum Beispiel die Ideen von Impfgegnern oder die Bewegung gegen 5G-Mobilfunk).

Die Veröffentlichung von „Q-Drops” hat zwar im Zuge von Trumps Wahlniederlage zumindest vorläufig ein Ende gefunden, trotzdem bleiben viele Anhänger QAnon und anderen neu aufgekommenen Verschwörungstheorien treu.

Wie und in welche Richtung sich die Bewegung weiterentwickeln wird, falls die mythische Person (oder die Gruppe von Personen), die als „Q” bekannt ist, langfristig nicht wieder auftaucht, ist noch unklar.

Für die vorliegende Recherche hat Bellingcat Millionen deutschsprachiger Posts aus Telegram-Kanälen, die regelmäßig QAnon-Inhalte teilen, gesammelt und analysiert. Dabei wurde deutlich, dass dieselben Verschwörungsideen und Sprüche, die in englischsprachigen QAnon-Communitys verbreitet sind und zu selbstmotiviertem Lernen und der unabhängigen Suche nach Online-Informationen aufrufen, auch in den deutschsprachigen Kanälen zu finden sind.

Im englischsprachigen Raum haben QAnon-Enthusiastinnen Online-Übersichtsseiten erstellt, die Datenbanken, Datensätze, Verweise und Tools für Verschwörungs-Fans aus der ganzen Welt auflisten. Dies soll den Fans den Einstieg in die auf Crowdsourcing setzende Verschwörungstheorie erleichtern und ihnen dabei helfen, eigene „Recherchen” umsetzen zu können. Solche so genannten „Recherchen” führen jedoch in aller Regel zu irreführenden Schlussfolgerungen.

QAnon-Anhänger hält eine Fahne im Schillerpark. Leipzig, Deutschland, November 2020. Foto: imago images/Steffen Junghans via Reuters)

Ein ähnlicher Trend konnte in deutschsprachigen QAnon-Telegram-Kanälen beobachtet werden.

Hier scheinen digitale Recherchetools eine einflussreiche Rolle zu spielen, wenn es darum geht, sich vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine Reihe neuer und potenziell schädlicher Theorien zusammenzudichten.

Ähnliche Muster sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in anderen Ländern zu beobachten. Die vorliegende Recherche konzentriert sich jedoch speziell auf die Entwicklung der QAnon-Verschwörungstheorie im deutschsprachigen Raum und zeigt, wie diese gezielt an das dortige Publikum angepasst wurde.

Der Text gibt auch konkrete Beispiele, die veranschaulichen, wie Open-Source-Recherchen gerade nicht durchgeführt werden sollten. Google Maps wurde zum Beispiel dafür missbraucht, um die falsche Behauptung zu untermauern, der Anschlag in Wien im Jahr 2020 sei nur ein Fake gewesen. Außerdem verwenden Nutzer den Dienst für die Verbreitung panikgetriebener und nicht belegbarer Behauptungen über Kindesmisshandlung.

Diese Visualisierung zeigt Verbindungen zwischen den analysierten Telegram-Kanälen und den Webseiten, auf die diese Kanäle häufig verlinken. Eine Anzahl der verlinkten Webseiten wird regelmäßig von Open-Source-Rechercheurinnen genutzt, dazu zählen Flight-Tracking-Seiten, Unternehmensregister, „Open Street Map” und Live-Webcam-Seiten (Visualisierung: @Logan Williams).

Obwohl Google Maps für zahlreiche nicht investigative Gründe, zum Beispiel für Wegbeschreibungen, genutzt wird, kann der Dienst auch für Recherchemethoden wie Geolocation angewendet werden.

Im Zeitraum von April 2019 bis Oktober 2021 taucht der Begriff „Google Maps” in Bellingcats Datenset 427 Mal auf.

Dies mag auf den ersten Blick unerheblich erscheinen, es ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass nicht jeder Q-Anhänger in Bellingcats Datenset den Namen des Tools direkt erwähnt. Manche Nutzerinnen formulieren eher vage und sprechen lediglich von „Satellitenbildern”, andere veröffentlichen einfach nur Screenshots von Online-Karten.

Andere häufig von deutschsprachigen Q-Anhängern erwähnte Tools sind Flight-Tracking-Seiten, Patentdatenbanken und Unternehmensregister. Einige der verbreiteten Verschwörungstheorien, die sich auf die missbräuchliche Anwendung dieser Tools stützen, erzielen auf Telegram Zehntausende von Views.

Nichtsdestotrotz verstehen sich die meisten der von Bellingcat beobachteten QAnon-Enthusiastinnen selbst nicht als Open-Source-Rechercheurinnen im traditionellen Sinne. Viele unter ihnen sind sich gar nicht darüber bewusst, dass Open-Source-Recherchen ein eigenes Feld darstellen.

Der englische Begriff „open source investigations” ist auf Deutsch nicht gebräuchlich. Viele Q-Anhänger greifen schlicht und einfach auf das Wort „Recherche” zurück, das dementsprechend mehr als zehntausend Mal in den analysierten Posts auftaucht.

Auch in englischsprachigen QAnon-Kreisen und in anderen Verschwörungsbewegungen wie zum Beispiel bei Impfgegnerinnen, Covid-19-Skeptikern oder bei Anhängerinnen von 5G-Verschwörungstheorien ist der Begriff weit verbreitet.

Zur Klarstellung sollte erwähnt werden, dass nicht alle Theorien, auf die Bellingcat im Zuge dieser Recherche gestoßen ist, auf schlecht ausgeführten Open-Source-Recherchen basieren.

Bei einigen sehr populären und weit verbreiteten Theorien ist dies jedoch der Fall.

Google Maps, Alice und das Kaninchen

So behauptet beispielsweise ein anonymer Telegram-Nutzer in einem Kanal mit 25 000 Abonnentinnen, einen vermeintlichen Fall von Kindesmisshandlung aufgedeckt zu haben. Diese Schlussfolgerung basiert auf der Nutzung von Google Maps und auf einer unschuldig erscheinenden Geschichte aus der „Bild”-Zeitung, die beschreibt wie ein Kind in der bayerischen Stadt Aschaffenburg nach seinem in der Nähe eines Supermarkts verlorenen Kuscheltierhasen sucht.

Hasen und Kaninchen werden in QAnon-Kreisen als Hinweise auf versteckte Wahrheiten verstanden. „Folge dem weißen Kaninchen” ist ein weit verbreiteter Spruch, der aus Lewis Carrolls berühmter Erzählung „Alices Abenteuer im Wunderland” übernommen wurde.

 

Der Post beginnt mit „Keine Zufälle mehr” gefolgt vom Hashtag #Pedomatrix, der in QAnon-Kreisen genutzt wird, um auf vermeintliche Kindesmisshandlung hinzuweisen. Der Screenshot zeigt nicht den gesamten Telegram-Post, um das Foto des Kindes in diesem Zusammenhang nicht weiterzuverbreiten.

Der Telegram-Nutzer gibt an, sich den im Artikel beschriebenen Supermarkt auf Google Maps angesehen zu haben. In der Nähe des Supermarkts fand er auf der Online-Karte ein Restaurant, das Tadsch Mahal heißt, sowie eine Pizzeria. Die Existenz des Restaurants interpretiert er als eine Verbindung zu Donald Trump (weil Trump in der Vergangenheit ein Casino namens Trump Taj Mahal in Atlantic City in New Jersey besessen hatte). Die Pizzeria wiederum versteht der Nutzer als eine Anspielung auf die widerlegte Pizzagate-Verschwörungstheorie, wonach Angehörige der US-Demokraten in einen aus dem Keller einer Pizzeria in Washington DC operierenden Pädophilenring involviert sein sollen.

Ein Google-Maps-Screenshot von der Gegend um den im „Bild”-Artikel erwähnten Supermarkt in Aschaffenburg. Bellingcat hat den Supermarkt, das Restaurant und die Pizzeria, zwischen denen im QAnon-Post fälschlicherweise eine Verbindung hergestellt wird, mit gelben Pfeilen markiert (der Original-Telegram-Post enthielt keine Screenshots).

Der Nutzer bleibt jeglichen Beweis dafür schuldig, wieso diese Orte abgesehen von ihrer Nähe zueinander auf Google Maps sowie zu einigen verworrenen Q-Verschwörungsideen irgendeine Verbindung zueinander haben sollen. Auch Beweise für das angedeutete Thema der Kindesmisshandlung fehlen.

Trotz der klaren Logikfehler generierte der Post eine nicht unbedeutende Reichweite. Zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Textes hatte er knapp unter 13 000 Views erreicht.

Selbst für Open-Source-Rechercheurinnen auf Anfängerinnenniveau wären solch grundlegende Irrtümer und Logiksprünge offensichtlich.

QAnon-Graffiti, das ein weißes Kaninchen und den bekannten QAnon-Spruch ‘WWG1WGA’ zeigt. Brandenburg an der Havel, Deutschland, März 2021. Foto (c):Maxim Edwards

Chemtrails, Flight-Tracking-Seiten

Eine andere Beobachtung aus Bellingcats deutschsprachiger Telegram-Analyse ist das starke Interesse von QAnon-Anhängerinnen an Flight-Tracking-Tools. Kompetente Open-Source-Rechercheure haben diese Plattformen unter anderem genutzt, um die letzten Momente des im Jahr 2020 über Teheran abgestürzten Passagierflugzeugs Flight PS752 oder die Routen angeblich in Drogenschmuggel involvierter Maschinen nachzuverfolgen.

Deutschsprachige QAnon-Anhängerinnen tendieren jedoch dazu, Flight-Tracking-Seiten für eigene Zwecke zu instrumentalisieren, zum Beispiel um damit nach Beweisen für Konzepte wie „Chemtrails” zu suchen. Dabei handelt es sich um eine weitere, nicht gestützte Theorie, wonach von Flugzeugen hinterlassene Kondensstreifen aus chemischen Substanzen bestehen. Demnach würden diese Substanzen über Bevölkerungen versprüht, um diese auf körperlicher und psychischer Ebene zu manipulieren.

Bellingcat hat sogar ein von einem Verschwörungstheoretiker produziertes deutschsprachiges Flight-Tracking-Tutorial gefunden, das sich gezielt an Chemtrails-Gläubige richtet.

Ein Telegram-Post, der ein Flight-Tracking-Tutorial für Verschwörungstheoretikerinnen enthält. Wer lernen möchte, Flight-Tracking-Tools für Online-Recherchen zu nutzen, dem oder der empfehlen wir Bellingcats Beginner’s Guide to Flight Tracking.

Obwohl sie sie ausgiebig nutzen, scheinen sich QAnon-Fans oft unsicher zu sein, wie sie diese Tools genau anwenden sollen, um damit ihre Behauptungen belegen zu können.

Einige konzentrieren sich auf die Formen, die durch die Flugrouten der Flugzeuge am Himmel erzeugt werden. So teilte ein bekannter deutscher Verschwörungstheoretiker ein Flightradar24-Bild, auf dem eine Hasenform erkennbar ist.

Eine Flugroute in Hasenform auf Flightradar24.

Diesen Flug hat es tatsächlich gegeben. Ein Pilot flog die Hasenform vor Ostern 2020 über Berlin und Brandenburg. Der Verschwörungstheoretiker räumt in seinem Post zwar ein, dass dies vermutlich „ein Gag zu Ostern” war. Trotzdem beginnt er seinen Text mit dem Slogan „Folge dem weißen Hasen” und bezeichnet die Hasenform als „zumindest eine Synchronizität”.

Bellingcat hat auch eine deutschsprachige Verschwörungstheoretikerinnen-Community ausfindig gemacht, die sich damit beschäftigt, „Parallel-” oder „Ringflüge” zu interpretieren. So bezeichnet diese Community auf Flight-Tracking-Seiten dargestellte Flüge, die Routen in parallelen Linien oder in Kreisform fliegen. Oft versucht die Community einen Bezug zwischen diesen Flügen und Kindesmisshandlung herzustellen. Doch auch hier fehlt es an einer klaren Logik, die abseits der Q-Mythologie Bestand hat.

Screenshot eines Telegram-Posts, der laut Verschwörungstheoretikern so genannte „Parallelflüge” zeigt.

Bellingcat ist auf die Community aufmerksam geworden, weil seit Anfang 2021 immer mehr Posts in der Telegram-Datenbank auf die Flight-Tracking-Webseite globe.adsbexchange.com verweisen.

Die Webseite globe.adsbexchange.com taucht in Bellingcats Datenset zum ersten Mal im November 2020 auf. Nachdem die Nutzung der Seite im Januar 2021 zum ersten Mal einen Höhepunkt erreicht, wird die Seite zwischen März und Juni 2021 noch populärer.

Zu dieser Zeit scheint eine Gruppe deutscher Verschwörungstheoretikerinnen mithilfe der Seite das amerikanische Doomsday-Flugzeug verfolgen zu wollen, weil sie Präsident Trump an Bord vermuten.

Screenshot eines Telegram-Posts, der den Versuch zeigt, das Doomsday-Flugzeug zu verfolgen.

Seit März 2021 findet die Seite dann jedoch hauptsächlich in einem deutschen Kontext Anwendung. Nutzerinnen teilen Screenshots von Flügen, die sie in der Nähe ihrer Wohnorte oder in ihnen bekannten Regionen beobachten. Ein Telegram-Kanal mit zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Textes mehr als 15 000 Abonnenten, teilt regelmäßig Screenshots von „Parallel- oder Ringflügen”, die auf der bekannten Flight-Tracking-Seite globe.adsbexchange.com sichtbar sind.

Beispiel eines Telegram-Posts, der einen „Parallelflug” zeigt.

Der Fokus des Kanals scheint darauf zu liegen, Screenshots dieser Flight-Tracking-Seite zu teilen. Lange Kommentare finden sich in den Telegram-Posts selten. Jedoch wird von dort auf einen Kommentarbereich verlinkt, wo die Nutzerinnen dazu aufgefordert werden, ihre Gedanken zu den beobachteten Flügen zu teilen.

Screenshot des Kommentarbereichs der „Flugzeug-Spotter”-Community.

Das Forum bietet ein interessantes Beispiel eines Online-Bereichs, in dem Verschwörungstheoretikerinnen und aufrichtig Luftfahrtbegeisterte unbeabsichtigt aufeinandertreffen, vermutlich aufgrund des harmlos klingenden Namens. Es ist nicht ganz klar, ob der Kanal von einem Q-Verschwörungstheoretiker oder von einer Luftfahrtbegeisterten betrieben wird, allerdings scheint sich die Person nicht daran zu stören, dass zu den eifrigen Followern und Kommentarschreiberinnen auch QAnon-Anhänger zählen.

So fragt sich ein Nutzer, ob „Ring-” oder „Parallelflüge” in der Nähe von neu aufgespürten Weltkriegsbomben etwas mit einer Suche nach „DUMBS” (die englische Abkürzung für „deep underground military bases”)  zu tun haben könnten. QAnon-Anhängerinnen glauben, dass „DUMBS” tief unter der Erde liegende, unterirdische Militärbasen sind, in denen der „Deep State” Kinder versteckt und misshandelt.

Ein anderer Nutzer im selben Kommentarbereich lehnt diese Verschwörungstheorien jedoch ab und argumentiert, dass Flüge, die in der Nähe von Weltkriegsbomben in Parallel- oder Kreislinien fliegen, wahrscheinlich die Arbeit von Sprengstoffräumkommandos unterstützen. „Ringflüge” sind laut diesem Kommentarschreiber wahrscheinlich Testflüge von Maschinen, die vor nicht allzu langer Zeit repariert worden sind. Mehrere andere Nutzerinnen in diesem Kommentarbereich versuchen ebenfalls, die QAnon-Verschwörungstheorien zu widerlegen.

Diese Interaktionen mögen exzentrisch wirken. Sie werfen jedoch die ernstzunehmende Frage auf, ob Nutzerinnen, die bislang keinerlei Bezug zu verschwörungstheoretischem Denken hatten, durch derartige Online-Räume unbeabsichtigt in den Bann solcher Verschwörungstheorien geraten könnten.

Flight-Tracking-Seiten spielen auch in anderen Fällen eine Rolle. Mitglieder deutscher Telegram-Kanäle beschweren sich zum Beispiel darüber, dass Flugzeuge oder Helikopter, die sie angeblich selbst gesehen haben, nicht auf Seiten wie Flightradar24 zu finden sind. Im nächsten Schritt ziehen sie aus dieser Beobachtung falsche Schlüsse.

In einem Beispiel postet eine QAnon-Anhängerin, Militärhelikopter über einer Stadt nahe Aachen beobachtet zu haben.

Die Helikopter waren offensichtlich nicht auf Flightradar24 zu sehen, deshalb fragt sich die Nutzerin, ob es sich dabei um „versteckte Operationen” handeln könnte. So wie es bei vielen Posts aus der Q-Community der Fall ist, werden auch hier keine Belege für die Behauptung geliefert, dass zum angegebenen Zeitpunkt tatsächlich Helikopter unterwegs waren.

Im Erklärbereich der FlightRadar24-Webseite wird erläutert, dass nicht alle Helikopter ADS-B-Transponder haben (obwohl einige modernere Helikopter sie durchaus besitzen können). Ganz allgemein haben Flight-Tracking-Seiten keine perfekte Abdeckung. Dies bedeutet, dass sie nicht 100% der Maschinen anzeigen, die zu einem gewissen Zeitpunkt in der Luft sind.

Es ist deshalb durchaus möglich, dass die von den Verschwörungstheoretikern erwähnten Maschinen nicht auf der Plattform zu sehen waren. Trotz dieser weniger dramatischen Erklärung für das Fehlen der Flüge auf der Flight-Tracking-Plattform, versammelt der verschwörungstheoretische Telegram-Post mehr als 12 000 Views auf sich.

Zufällige Linien als Fake-Beweis für die Ursachen des Klimawandels

Die Telegram-Nutzerinnen aus Bellingcats Datenset greifen auch auf andere digitale Recherchetools zurück, um ihre unbegründeten Verschwörungstheorien zu untermauern.

So kombiniert ein Nutzer in seinem in QAnon-Kreisen häufig geteilten Telegram-Post Daten der Wetter-Webseite windy.com und der Patentsuchmaschine Google Patents miteinander. Sein Ziel ist es, mit dieser Methode die Existenz des Klimawandels zu widerlegen.

Wie bei den meisten aus dem QAnon-Umfeld entstammenden Theorien, fehlt es auch dieser „Analyse” an logischer Konsistenz und stichhaltigen Beweisen.

Als Beweis dafür, dass Wetterphänomene angeblich manipuliert werden, präsentiert der Nutzer einen auf Google Patents aufgestöberten Plan für ein „Hurrikan- und Tornado- Kontrollgerät”.

Screenshot der Patentinformationen für ein „Hurrikan- und Tornado-Kontrollgerät” auf Google Patents.

In einem von ihm selbst produzierten Video zoomt der Telegram-Nutzer einen Ausschnitt eines Taifun-Bildes heran und richtet die Aufmerksamkeit der Zuschauerinnen auf dort sichtbare, scheinbar zufällige Linienformationen. Diese Linien werden als Frequenzen bezeichnet, ein Begriff, der auch im Patent vorkommt.

Linienformationen (von Bellingcat mit einem gelben Pfeil hervorgehoben) im Video eines Verschwörungstheoretikers.

Weil das Patent beschreibt, wie Wetterphänomene theoretisch manipuliert werden könnten, zieht der Nutzer daraus den Schluss, das Gerät sei heimlich im Einsatz, um reale meteorologische Ereignisse auszulösen. Das Video endet, indem der Sprecher fragt: „Wer oder was ist der Klimawandel? Ist der real? Wäre der auch ohne diese Frequenzen, die irgendwelche Wettersystem beeinflussen, da?”

Ähnlich wie beim Beispiel mit dem Kuscheltierhasen präsentiert der Nutzer keinerlei Beweise, um darzulegen, warum seine Schlussfolgerungen Sinn ergeben sollten. Ebenso wenig beschäftigt er sich mit der Qualität der Ideen im von ihm herangezogenen Patent.

Er scheint, vermutlich basierend auf einer bereits bestehenden Überzeugung, allein deswegen zu dem Schluss gekommen zu sein, dass die Idee des Klimawandel auf einer Manipulation beruhen muss, weil er online ein ausgedientes Patentdokument gefunden hat, aus dem er dies ableitet.

Verstehen sich QAnon-Anhänger als Open-Source-Rechercheure?

Die besprochenen Telegram-Posts zeigen deutlich, dass Q-Enthusiastinnen weit davon entfernt sind, Expertinnen in der Anwendung von Open-Source-Recherchemethoden zu sein.

Nichtsdestotrotz scheinen sie nicht nur die Tools, sondern auch andere Elemente von Open-Source-Recherchen für ihr Verschwörungsdenken zu übernehmen.

So laden einige Q-Anhänger andere dazu ein, gemeinsam zu „recherchieren”. Bereits an anderer Stelle hat Bellingcat die kollaborative und auf Crowdsourcing basierende Natur QAnons als Hauptgrund für den Erfolg der Verschwörung beschrieben.

Auch viele Open-Source-Recherchen werden erst durch Zusammenarbeit ermöglicht.

Zum Beispiel dann, wenn sich Gruppen von Nutzerinnen gemeinsam durch eine große Zahl an Social-Media-Posts arbeiten oder wenn sie mithilfe von Geolocation-Methoden eine Liste an Videos durchgehen, um darin gezeigte Orte geographisch zu lokalisieren. Crowdsourcing ist hilfreich, um Recherchen in einem größeren Stil angehen zu können oder um Datensätze schneller zu durchsuchen und zu analysieren.

Ein deutschsprachiger QAnon-Kanal mit etwa 150 000 Abonnentinnen beschreibt sich beispielsweise als „ein Open-Source Team, das aus weitgehend anonymen, freiwilligen Helfern besteht, wo jeder einen kleinen Teil beiträgt”.

Ein anderer Telegram-Kanal definiert Q als „eine friedliche, weltweite Open-Source-Geheimdienstbewegung, die in intellektueller Souveränität, Forschung, Liebe zu unseren Ländern, zur Menschheit und für die meisten – Gott – verankert ist”.

Im Allgemeinen nutzt die deutschsprachige QAnon-Community den Begriff „Open Source-Recherchen” jedoch eher selten. Das ist nicht überraschend, da es ein Begriff aus dem Englischen ist, der in deutschsprachigen Ländern nicht weit verbreitet ist.

Wenn der Begriff „Open Source” in Bellingcats Datenset auftaucht (447 Mal), bezieht er sich oft auf deutsche Übersetzungen von Q-Drops, in denen der Begriff „Open Source” beibehalten wurde. Ein Post über Ghislaine Maxwell beinhaltet zum Beispiel den Begriff „Open Source” und fordert die Leserinnen dazu auf: „Folgt der Familie”. Dies kann mit hoher Wahrscheinlichkeit als eine Aufforderung an die Leser verstanden werden, sich die Maxwells mithilfe von selbst aufgefundenen Online-Informationen genauer anzuschauen.

Häufiger greift die deutschsprachige QAnon-Community jedoch einfach auf die Wörter „recherchieren” oder „Recherche” zurück, um zu beschreiben, was sie zu tun glauben. Die beiden Wörter tauchen zwischen Anfang 2019 und Oktober 2021 ganze 11815 beziehungsweise 2988 Mal in Bellingcats Telegram-Datenbank auf. Auch in den englischsprachigen Q-Communitys ist das Wort „research” ein gängiger Begriff. Phrasen wie „Recherchiere selbst” („Do your own research”) werden außerdem auch von Impfgegnern oder 5G-Verschwörungstheoretikerinnen aufgegriffen.

In einem Post mit dem Titel „Was ist Q?” beschreibt ein Anhänger QAnons Ziel als nach einem langen Arbeitstag einen „Grund zu schaffen, der es rechtfertigt, dass du dich für eine Online-Recherche entscheidest und nicht für die Fernsehcouch”. Der Nutzer hofft, dass QAnon-Anhänger dadurch motiviert werden, Dinge herauszufinden, zu lernen und weiter zu „recherchieren”.

Andere Telegram-Posts beschreiben Recherche als lediglich das Konsumieren dessen, was andere QAnon-Nutzerinnen schreiben. Ein Telegram-Nutzer schlägt zum Beispiel vor: „Gehen Sie auf meine, oder auf eine von den anderen Anons ihrer Facebook Seiten, lesen und verdauen Sie die Dinge, die wir sagen und schreiben. Dann schauen Sie in die Themen, die Sie interessieren. So forschen und lernen Sie.”

Screenshot eines Telegram-Posts, in dem erklärt wird, wie laut einem QAnon-Anhänger „Online-Recherche” betrieben werden sollte.

Ähnlich wie bei allen anderen Beispielen in diesem Artikel ist dieser Ratschlag jedoch keine solide Grundlage für eine Recherche, egal ob es sich dabei um eine Open-Source-Recherche oder um jede andere Art von Recherche handelt.

Satellitendienste, Flight-Tracking-Webseiten und frei verfügbare Wetterüberwachungssysteme können von Einzelpersonen oder Recherche-Teams für eine ganze Reihe einfacher oder komplexer Aufgaben genutzt werden. Dies bedeutet aber auch, dass Anhängerinnen einer Bewegung, die für haltlose Verschwörungstheorien bekannt ist, nicht davon abgehalten werden können, dieselben Tools ebenfalls zu nutzen, um sie für ihre Zwecke zu missbrauchen. Sei es indem sie die durch diese Tools erhaltenen Informationen absichtlich oder unabsichtlich falsch interpretieren oder indem sie sie gezielt dafür einsetzen, um falsche Annahmen zu untermauern.

Wenn digitale Recherchetools auf diese Weise genutzt werden, bergen sie die Gefahr, Q-Enthusiastinnen immer tiefer in ihren selbst gebauten Kaninchenbau hineinzutreiben. Das Ergebnis sind noch verworrenere, irreführendere und womöglich auch noch schädlichere Verschwörungstheorien.

Speziell im deutschsprachigen Kontext hat eine derartige Nutzung von digitalen Recherchetools außerdem dazu beigetragen, die Q-Verschwörungstheorie an ihren neuen lokalen Kontext anzupassen.


Anmerkung der Redaktion: Einige Links zu QAnon-Inhalten wurden nicht in den Text aufgenommen, um deren weitere Verbreitung zu unterbinden. Personen, die Zugang zu den in diesem Artikel erwähnten Posts erhalten wollen, können sich aber gerne an Bellingcats Investigative Tech Team wenden

Bellingcats Investigative Tech Team beschäftigt sich mit datenintensiven Recherchen und entwickelt Open-Source-Recherchetools.

Logan Williams hat zu diesem Artikel die Visualisierung der Verbindungen zwischen den untersuchten Telegram-Kanälen beigetragen.